... est-elle morte?
Was gibt's Neues von der Streikfront, mögen sich aufmerksame LeserInnen unter euch fragen. Über zwei Monate sind vergangen, seit ich zum ersten und bisher letzten Mal über "la fac en grève" berichtet habe. Was ist seither passiert?
Still ist es geworden in St. Jean d'Angély. Alle Spuren der "occupation citoyenne" scheinen beseitigt, die Banner entfernt, die Rolltreppe von Stühlen und Tischen, die den Aufgang zu den Seminarräumen symbolisch blockierten, gesäubert, das lebensgroße Monopoly zum spielerischen Ausverkauf der Uni mitsamt aller Spielkarten (bibliothèque, CROUS, département de sociologie, cafétéria, fac Valrose, étudiants, ...) verschwunden. Nur vereinzelte Schmierereien neben den Raumnummern einiger Kursräume zeugen davon, dass die letzten Wochen und Monate wenig mit dem gewöhnlichen Alltag einer Universität gemein hatten. Im Gegenteil.
Fac en grève: Spannenderweise nahm gerade die konservative Stadt Nizza eine nationale Vorreiterinnenrolle im Kampf gegen das
Loi Pécresse ein, das im neoliberalen Spiel der Ökonomisierung der Bildung einen großen und gefährlichen Schritt in Richtung einer Privatisierung der Universitäten macht, auch wenn die französische Regierung lieber von "mehr Autonomie" und "Regionalisierung" der Unis spricht. Jedes Wochenende fand in einer anderen französischen Stadt eine Vollversammlung von VertreterInnen all jener Unis statt, die am Streik teilnahmen, wobei jedoch die Form der Streikbeteiligung (Streik mit Lehrveranstaltungen, Streik ohne Kurse, Blocage, Occupation Citoyenne, ...) stark divergierte. Alleine die Uni Nizza ist extrem gespalten. Man muss sich das so vorstellen: Es gibt eine Uni (~ université), die sich aus verschiedenen Campusen (~ fac) zusammensetzt. Mein Campus, St.Jean d'Angély, der die Sozialwissenschaften und einen Teil der Medizin versammelt, hat sich für eine Blockade der Uni ausgesprochen, die Studierenden der Fac de Lettres (Geisteswissenschaften) stimmten für Streik, hatten jedoch die gesamte Zeit über Lehrveranstaltungen, an der Fac de Science ebenso, die Fac de Droit hingegen stellte sich ziemlich vehement hinter das Gesetz und gegen den Streik. Es kam beispielsweise vor, dass Studierende der Fac de Droit an den Vollversammlungen der anderen Facs teilnahmen und versuchten, die Abstimmungen zu beeinflussen.
Meine Eindrücke beziehen sich vor allem auf die Streik- und Protestkultur, die ich an meinem eigenen Campus, St. Jean d'Angély, sozusagen hautnah miterleben durfte. Ich bin noch immer davon überzeugt, dass dieser Streik das beste war, das mir passieren konnte - von einer ganz egoistischen Warte aus gesehen. Nachdem die Qualität der Lehrveranstaltungen großteils wirklich zu vergessen war - und ich kenne mittlerweile viele, vor allem ausländische Studierende, die das gleiche Urteil fällten - und kritisches Mitdenken, Hinterfragen und Diskutieren kaum gefragt, forciert und gefördert wurde, habe ich meiner Einschätzung nach nicht wirklich viel verpasst. Zwar hatte ich insgesamt nur fünf Wochen "Uni" im eigentlichen Sinn, doch so war es viel spannender. :-)

Protestkultur auf französisch? Meine Eindrücke
concernant l'action collective de la grève sind ziemlich gespalten. Direkt gefragt:
Wieso stimmen über 80% aller Studierenden, die zur Vollversammlung gehen, für Streik und eine Blockade der Uni, aber nur 5% (wenn überhaupt) finden sich zu Protestkundgebungen, Demonstrationen oder studentischen Aktionen ein?
Der anfänglichen Euphorie ist vor allem Ernüchterung gewichen. Wieso bleibt die ganze Streikbewegung an fünf, zehn engagierten Personen hängen, die den Streik quasi für alle anderen "mittragen", die Organisation diverser Organisationen übernehmen, sich kritisch mit den Inhalten des Gesetzes auseinandersetzen, Verbesserungsvorschläge erarbeiten, etc.? Nicht nur einmal machte sich Frustration breit, als zu einer groß angekündigten Demonstration gerade einmal 20 DemonstrantInnen kamen - zusammen mit genauso vielen Polizisten beliefen sich die meisten Manifs gerade mal auf 40 Personen - meistens sogar weniger. Stell dir vor es ist Revolution und keiner geht hin, pflegte Christoph zu sagen.
Mein Fazit ist doch eher traurig. Außer Frage steht, dass es engagierte Menschen gibt, die bereit sind, für ihre Ideale zu kämpfen, sich gegen ein Gesetz zu stellen, dass die Situation an der Uni ungleich verschlechtern würde, Energie und Herzblut (um es mal pathetisch auszudrücken) in die Sache investieren und die große Masse quasi mittragen. Die große Masse allerdings, die Mehrheit aller Studierenden, die "für" Streik stimmen, jedoch NICHT zu den Demos gehen, NICHT am Alternativprogramm (Filmschauen, Diskussionsrunden, ...) teilnehmen, sich NICHT an den diversen Aktionsgruppen beteiligen, stimmen meiner Meinung nach für Streik in der verlockenden Aussicht, keine Kurse zu haben, verlängerte Ferien zu genießen, zu ihren Familien nach Cannes, Avignon, Eze und sonst wo zu fahren, einfach nichts tun zu können und sich gleichzeitig der Solidarität der Profs sicher zu wissen, die zusicherten, nur den Stoff zu prüfen, der tatsächlich unterrichtet wurde - einen Bruchteil des Semesterstoffs also.
Die Medien schweigen dementsprechend still. Anfangs gab es in der lokalen Tageszeitung Nice Matin sowie in der gratis Buszeitschrift Metro "größere" Artikel über die Studierendenbewegung, auch in den Nachrichten kamen Beiträge darüber. Doch je länger der Streik andauerte, umso weniger Studierende zu den Demos kamen, umso weniger sich überhaupt "tat", umso mehr wurde der gesamte Streik in den Medien marginalisiert - er kam schlichtweg einfach nicht mehr vor, wobei gerade die Medienwirksamkeit enorm wichtig wäre - um "Gehör" zu finden, auf sich aufmerksam zu machen, die breite Bevölkerung zu erreichen, aufzuklären, etc.
Jedoch wird auch in anderen französischen Städten, in denen es bei Demos zu Ausschreitungen zwischen Polizisten und (friedlich demonstrierenden) Studierenden gekommen ist, das Thema medial totgeschwiegen, und so dem "Erfolg" der Bewegung in gewisser Weise seine Grundlage entzogen. Berichte findet man nirgends - außer im Internet, bei Youtube und Co. Komisch, dass die sogenannte freie Presse in Frankreich größtenteils aus Herrn Sarkozys Freunden besteht ...
"Unterricht im Freien"

... war eine der witzigsten Aktionen, die wie keine andere das Interesse der Öffentlichkeit auf sich gezogen hat. Einige Professoren (im Endeffekt war es dann zwar nur ein einziger) erklärten sich bereit, mitten auf Place Masséna eine Unterrichtsstunde abzuhalten - den vorbeigehenden Passanten wurden Infozetteln in die Hand gedrückt, die Motive und Anliegen der Studierenden enthielten. Leider war das so ziemlich die einzige kreative Aktion, die mir in Erinnerung blieb.
Kurz vor Weihnachten machte sich langsam Panik in der großen Masse der Studierenden breit. Was ist mit meinen Prüfungen? Werde ich das Jahr abschließen können? Oder verliere ich etwa ein ganzes Semester? Das geht doch nicht, immerhin habe ich dafür bezahlt ... Dem Luxus, während des Semesters verlängerte Ferien zu genießen, folgte also die Angst, Zeit zu verlieren, nicht rechtzeitig fertig zu werden, ein Semester umsonst gemacht zu haben, ... Merde alors!!
Die Prüfungen fanden ohne Zwischenfälle statt. In den Weihnachtsferien (wer streikt schon zu Weihnachten?!) wurde die Fac in ihren ursprünglichen Zustand gebracht - fast nichts erinnert hier an den Streik. Stattdessen emsig lernende StudentInnen in der Bibliothek, eine volle Cafétéria zur Mittagszeit, aufgeregte Menschen, die gerade eine Prüfung gut oder schlecht hinter sich gebracht haben.
Von Streik keine Spur.
La révolution est morte ...[ ... mit welchem Ergebnis? Was hat uns all das nun gebracht? ]
... est-elle morte?Im Laufe dieser Woche findet in St. Jean d'Angély eine weitere AG statt, also eine HörerInnenversammlung, in der über den weiteren Verlauf des Streikes abgestimmt wird.
Wird er im zweiten Semester weitergeführt? Wie wird sich die breite Masse entscheiden, abgesehen von den wenigen engagierten Studierenden, die auch weiterhin bereit wären, sich für die Sache einzusetzen, ungeachtet ihres eigenen Studienfortschritts. Genug Ferien gehabt? Oder geht es doch um etwas anderes? Es bleibt also spannend ...
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Einige Links:
http://youtube.com/watch?v=4ZPrljl3pQs(Nachrichtenbeitrag zu jener AG, in der zum ersten Mal für Streik gestimmt wurde. Sarah im Fernsehen. ;-)
http://youtube.com/watch?v=UH1aUNhS3jo(Eine der wenigen Demos in Nizza, an der wirklich viele Leute teilnahmen, gute Stimmung herrschte ... Außerdem sieht man den Che Guevara Verschnitt von St. Jean d'Angély so schön polemisch reden ... ;-)
Ach ja, und das erste Foto, das ich in diesem Blogeintrag verwendet habe, hat übrigens Christoph gemacht (will ja nix fälschlich als meines ausgeben ...)